Während die Weltbevölkerung immer älter wird, richten Forschende ihren Blick auf einfache Essgewohnheiten, die den Verlauf des Alterns beeinflussen könnten.
Eine neue Untersuchung an älteren Menschen in Japan deutet darauf hin, dass ein verbreitetes Lebensmittel, das auch in vielen brasilianischen Haushalten auf den Tisch kommt, mit einem geringeren Demenzrisiko zusammenhängen könnte. Der Befund ist weder ein Wundermittel noch eine Erlaubnis zum übermäßigen Verzehr. Er belebt aber die Diskussion darüber, wie sich alltägliche Ernährungsentscheidungen über Jahre hinweg auf die Gesundheit des Gehirns auswirken können.
Demenz nimmt mit der weltweiten Alterung zu
Demenz zählt bereits zu den größten Herausforderungen für die öffentliche Gesundheit in diesem Jahrhundert. Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation zufolge lebten 2025 mehr als 50 Millionen Menschen mit einer Form von Demenz. Bis 2050 soll sich diese Zahl verdreifachen. Die Folgen betreffen Familien, Gesundheitssysteme und ganze Volkswirtschaften.
Japan ist eines der lebenden Beispiele für diese Entwicklung. Das Land hat eine der ältesten Bevölkerungen der Welt; rund 12,3 % der Japanerinnen und Japaner über 65 Jahre leben bereits mit der Erkrankung. Die Suche nach Möglichkeiten zur Vorbeugung wird dadurch dringlicher, zumal es für die meisten Demenzformen, darunter die Alzheimer-Krankheit, noch keine wirksame Heilung gibt.
Forschende konzentrieren sich zunehmend auf veränderbare Faktoren wie Ernährung, Bewegung, Blutdruckkontrolle und geistige Anregung, um das Auftreten von Demenz zu verzögern oder zu verringern.
Ein besonders aktives Forschungsgebiet untersucht, wie Ernährungsmuster die Gehirngesundheit beeinflussen. Für Ernährungsformen wie die mediterrane Kost und die DASH-Diät, die reich an Gemüse, Vollkorn und gesunden Fetten sind, wurde bereits ein Zusammenhang mit einer langsameren Alterung des Gehirns festgestellt. Nun ist ein einzelnes Lebensmittel in den Blick gerückt: Käse.
Die japanische Studie bringt Käse ins Gespräch
Veröffentlicht wurde die Untersuchung im Oktober 2025 in der wissenschaftlichen Zeitschrift Nutrients. Sie ist Teil von JAGES, einer großen japanischen gerontologischen Kohortenstudie, die ältere Menschen begleitet, die zu Hause und nicht in Einrichtungen leben.
Das Forschungsteam wertete die Daten von 7.914 Personen ab 65 Jahren aus, die zuvor nicht auf Langzeitpflege angewiesen gewesen waren. Beobachtet wurden sie von 2019 bis 2022.
So wurden die Teilnehmenden eingeteilt
Die älteren Menschen wurden zwei Hauptgruppen zugeordnet:
- Personen, die mindestens einmal pro Woche Käse aßen;
- Personen, die nie Käse aßen.
Um die Gruppen möglichst fair vergleichen zu können, nutzten die Forschenden ein statistisches Verfahren zum Abgleich anhand von Wahrscheinlichkeitswerten. Vereinfacht gesagt „paarten“ sie Menschen mit ähnlichen Merkmalen – darunter Alter, Geschlecht, Einkommen, Bildungsstand, eigene Einschätzung der Gesundheit und Selbstständigkeit im Alltag. Innerhalb dieser vergleichbaren Paare stellten sie anschließend Käseessende und Personen ohne Käsekonsum gegenüber.
Das Auftreten von Demenz wurde anhand von Verwaltungsdaten der Langzeitpflegeversicherung ermittelt. Dieser Indikator ist in Japan weit verbreitet.
Was die Zahlen zeigten
Nach drei Jahren Beobachtungszeit ergab sich folgendes Bild:
| Gruppe | Demenzfälle | Anteil |
|---|---|---|
| Personen mit Käsekonsum | 134 Personen | 3,4 % |
| Personen ohne Käsekonsum | 176 Personen | 4,5 % |
Der Unterschied entspricht bei Menschen, die wöchentlich Käse aßen, einer Verringerung des relativen Demenzrisikos um etwa 24 %. Nach einer Anpassung des Modells an weitere Ernährungsmerkmale sank der Effekt leicht auf 21 %, blieb jedoch statistisch signifikant.
Die Daten legen nahe, dass bei älteren Menschen in Japan der Verzehr von Käse mindestens einmal pro Woche über einen Zeitraum von wenigen Jahren mit einem geringeren Risiko für die Entwicklung einer Demenz verbunden sein könnte.
Die Studienautorinnen und -autoren betonen selbst, dass es sich um einen Zusammenhang und nicht um einen Nachweis von Ursache und Wirkung handelt. Dennoch bietet das Ergebnis Anlass, die mögliche Rolle von Käse bei der Vorbeugung weiter zu untersuchen.
Warum Käse das Gehirn schützen könnte
Damit stellt sich die Frage, welche Bestandteile des Käses diesen Effekt erklären könnten.
Vitamin K2 und Gefäßgesundheit
Eine Vermutung betrifft Vitamin K2, das in manchen Käsesorten in relevanten Mengen enthalten ist. Das fettlösliche Vitamin hilft, die Verkalkung der Blutgefäße zu regulieren, und trägt damit dazu bei, die Arterien elastischer und gesünder zu halten.
Gefäßprobleme wie Bluthochdruck und Arteriosklerose gelten als Risikofaktoren für Demenz, besonders für die vaskuläre Form. Indem K2 die Gefäßgesundheit unterstützt, könnte es indirekt die Durchblutung des Gehirns fördern und langfristige Schäden verringern.
Proteine, Peptide und Entzündungen
Käse liefert reichlich Proteine und essenzielle Aminosäuren. Sie dienen als Grundstoffe für den Erhalt von Nervenzellen und Synapsen. Bei der Fermentation entstehen zudem bioaktive Peptide: kleine Eiweißbruchstücke, die im Körper zusätzliche Funktionen übernehmen.
Frühere Studien deuten darauf hin, dass manche dieser Peptide entzündungshemmend und antioxidativ wirken können. Chronische Entzündungen und oxidativer Stress stehen häufig im Mittelpunkt von Erklärungsansätzen zur Gehirnalterung und zu neurodegenerativen Erkrankungen.
Darmmikrobiota und Darm-Hirn-Achse
Fermentierte Käse wie Brie und Camembert enthalten lebende Mikroorganismen mit probiotischem Potenzial. Sie stehen mit der Darmmikrobiota in Wechselwirkung und könnten über die sogenannte Darm-Hirn-Achse Vorgänge beeinflussen, die mit Stimmung, Kognition und Entzündungen im gesamten Körper zusammenhängen.
In der japanischen Studie aß die große Mehrheit der Teilnehmenden, nämlich 82,7 %, allerdings überwiegend Schmelzkäse mit einem geringeren Gehalt an Probiotika und bioaktiven Stoffen. Nur 7,8 % gaben an, Käse mit weißer Schimmelrinde zu verzehren.
Der Befund deutet darauf hin, dass selbst bei überwiegendem Verzehr von Schmelzkäse ein Nutzen möglich sein könnte – vielleicht durch grundlegende Nährstoffe oder durch ein umfassenderes Muster von Ernährungsgewohnheiten.
Käse oder ein gesunder Lebensstil?
Eine genauere Auswertung zeigte, dass sich die Käseessenden nicht allein durch dieses Lebensmittel von den anderen unterschieden. Sie verzehrten auch häufiger Obst, Gemüse, Fleisch und Fisch. Alle diese Lebensmittel wurden in mehreren Studien mit besseren kognitiven Leistungen in Verbindung gebracht.
Das wirft eine wichtige Frage auf: Schützt Käse tatsächlich, oder ist sein Verzehr lediglich ein Hinweis auf eine ausgewogenere Ernährung und eine höhere Kaufkraft?
Als die Forschenden dieses umfassendere Ernährungsmuster bei der Auswertung berücksichtigten, fiel die geschätzte Risikosenkung von 24 % auf 21 %, verschwand aber nicht. Das deutet darauf hin, dass ein Teil des Effekts aus einem gesunden Ernährungsumfeld stammen könnte und ein anderer Teil möglicherweise direkt mit dem Käse selbst zusammenhängt.
Ein weiteres Detail: 72,1 % der Teilnehmenden mit Käsekonsum gaben an, ein- bis zweimal pro Woche Käse zu essen. Der positive Zusammenhang zeigte sich also bei mäßigem Verzehr und nicht bei einem Übermaß an Kalorien oder Salz.
Alltagsfähigkeiten und geistige Verfassung zu Studienbeginn
Die älteren Käseessenden schnitten auch bei anspruchsvolleren Alltagstätigkeiten besser ab, etwa beim Einkaufen, beim Zubereiten von Mahlzeiten und beim Umgang mit Geld. Zu Beginn der Studie berichteten sie außerdem seltener über Gedächtnisprobleme.
Diese Hinweise sprechen dafür, dass die kognitive Gesundheit dieser Gruppe schon zu Beginn etwas besser gewesen sein könnte – ein Unterschied, den statistische Anpassungen nicht immer vollständig erfassen. Das mahnt zur Vorsicht: Ein Teil der beobachteten Differenz könnte auf eine bessere Ausgangslage zurückgehen und nicht allein auf die Ernährung.
Grenzen der Studie und offene Fragen
Trotz der umfangreichen Stichprobe weist die Untersuchung wichtige Einschränkungen auf. Wie häufig Käse gegessen wurde, erfasste das Team nur einmal zu Beginn der Beobachtung. Angaben zu Mengen oder späteren Veränderungen fehlten. Ein „ideales Maß“ für den Verzehr lässt sich daher vorerst nicht bestimmen.
Die Demenzdiagnosen wurden aus Verwaltungsdaten der Pflegeversicherung abgeleitet und beruhten nicht auf vollständigen neurologischen Untersuchungen. Dadurch lassen sich Demenzformen wie Alzheimer-Demenz, vaskuläre oder gemischte Demenz nur schwer voneinander abgrenzen.
Ungeklärt bleibt auch die Rolle der Gene. Varianten wie APOE ε4, die mit einem erhöhten Alzheimer-Risiko verbunden sind, wurden nicht berücksichtigt. Bevölkerungsgruppen mit unterschiedlichen genetischen Merkmalen könnten auf dieselben Ernährungsmaßnahmen verschieden reagieren.
Schließlich ist der japanische Kontext zu beachten. Der durchschnittliche Käseverzehr liegt dort bei etwa 2,7 kg pro Person und Jahr und damit deutlich unter dem Wert vieler europäischer Länder und auch Brasiliens. Bei Bevölkerungsgruppen, die gewöhnlich große Mengen Käse essen, könnte sich eine kleine zusätzliche Wochenportion anders auswirken.
Was die Ergebnisse für die Ernährung in Brasilien und Österreich bedeuten
Aus der Studie lässt sich nicht schließen, dass Käse unter allen Umständen Demenz vorbeugt. Sie liefert aber Anhaltspunkte, die auch für Brasilien relevant sein können: Dort ist der Verzehr von Milchprodukten vielfältig, und die Bevölkerung altert ebenfalls rasch.
Wer gerne Käse isst, sollte ihn am besten in mäßigen Mengen als Teil einer ausgewogenen Ernährung betrachten, die reich an Gemüse, Hülsenfrüchten, Obst, Fisch, Olivenöl und Vollkorn ist. Risiken entstehen vor allem durch zu viele Kalorien, gesättigte Fette und Salz, wie sie bei manchen hochverarbeiteten Käsesorten vorkommen können.
- Frischkäse wie Minas-Käse und Ricotta: Sie enthalten im Allgemeinen weniger Fett und lassen sich daher leichter in den Alltag einbauen.
- Gereifte und sehr salzige Käse: Sie sollten eher gelegentlich und in kleinen Portionen gegessen werden.
- Mit Schimmelpilzen fermentierte Käse wie Brie, Camembert und Gorgonzola: Sie können interessante Inhaltsstoffe liefern, sollten wegen ihres Fettgehalts aber maßvoll verzehrt werden.
Begriffe, die einen genaueren Blick verdienen
In dieser Diskussion tauchen zwei Begriffe häufig auf: relatives Risiko und Mikrobiota.
Eine Verringerung des relativen Risikos um 24 % bedeutet nicht, dass 24 % der Menschen von Demenz verschont bleiben. Gemeint ist vielmehr, dass in einer von zwei vergleichbaren Gruppen anteilig weniger Fälle auftraten. Absolut betrachtet ist der Unterschied zwischen 3,4 % und 4,5 % über drei Jahre gering; bei Millionen von Menschen gewinnt er jedoch an Bedeutung.
Die Mikrobiota bezeichnet die Gesamtheit der Mikroorganismen, die im Darm leben. Sie ist an der Verdauung, an der Bildung mancher Vitamine und sogar an der Produktion von Stoffen beteiligt, die mit dem Nervensystem kommunizieren. Kleine Ernährungsänderungen, die über Jahre beibehalten werden, können diese Gemeinschaft verändern und Entzündungen, das Immunsystem und möglicherweise auch das Gehirn beeinflussen.
Beispiele aus dem Alltag und tatsächliche Risiken
Stellen wir uns einen 70-jährigen Menschen mit Bluthochdruck und Alzheimer-Erkrankungen in der Familie vor. Er beginnt, zwei kleine Portionen Käse pro Woche in eine ausgewogenere Ernährung einzubauen, isst weniger hochverarbeitete Produkte, mehr Obst und Gemüse und geht täglich spazieren. Der wahrscheinliche Nutzen käme nicht vom Käse allein, sondern aus dem Zusammenspiel der Faktoren: besserer Blutdruckkontrolle, weniger Entzündungen sowie mehr geistiger und stoffwechselbezogener Anregung.
Umgekehrt dürfte ein hoher Verzehr fettreicher Käse im Rahmen eines Alltags mit viel Schnellimbiss, Zucker und Bewegungsmangel dem Gehirn eher schaden. Gewichtszunahme, schlechtere Cholesterinwerte und ein unzureichend kontrollierter Blutdruck fördern gerade jene Mechanismen, die eine Demenz begünstigen.
Ein schützender Effekt erscheint plausibler, wenn Käse Teil einer insgesamt gesünderen Ernährung und Lebensweise ist – und nicht als einzelner „Retter“ betrachtet wird.
Für Menschen mit sehr hohem Cholesterin, Niereninsuffizienz, einer Allergie gegen Milcheiweiß oder schwerer Laktoseintoleranz gelten andere Überlegungen. Ärztinnen, Ärzte und Ernährungsfachkräfte müssen jeden Fall einzeln beurteilen, bevor sie zu einem höheren Verzehr von Milchprodukten raten.






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