Was als Bastelei im eigenen Garten anfängt, entwickelt sich binnen weniger Jahre zu einer weltweit bekannten Marke für Pizzaöfen im Freien. Firmengründer Tom Gozney, der lange von Alkohol und Drogen abhängig war, findet durch Feuer, Teig und Gemeinschaft eine neue Identität. Diese Möglichkeit eröffnet er auch anderen: Hunderte Menschen haben dank seiner Öfen ihren Arbeitsplatz aufgegeben und verdienen ihr Geld heute ausschließlich mit Pizza.
Vom Absturz zur Feuerküche: Gozneys erster „hässlicher“ Ofen
Tom Gozney ist Anfang 20, als sein Leben zu entgleisen droht. Alkohol und Drogen beherrschen seinen Alltag, Partys dienen ihm als Ausweg. Schließlich erreicht er einen Punkt, an dem es nicht mehr weitergeht: Er begibt sich in eine Entzugsklinik und bezeichnet diese Phase später als eine Art zweite Geburt.
Nach seiner Rückkehr sucht er nach etwas, das ihm Halt gibt. Fündig wird er im eigenen Garten, wo er seinen ersten Holzofen mauert. Das Ergebnis sei äußerlich eine Katastrophe gewesen, sagt er heute: ein Betonklotz, bei dem von Gestaltung oder Perfektion keine Rede sein konnte. Dennoch verändert dieser Ofen alles.
Feuer, Mehl, Wasser und Hefe: Aus vier einfachen Zutaten entwickelt Gozney einen völlig neuen Entwurf für sein Leben.
Er bittet Freunde zu sich, bäckt Pizza, probiert verschiedene Temperaturen und Teige aus und zieht aus jedem verbrannten Rand seine Lehren. Rund um den Ofen entstehen gesellige Abende. Tom erkennt, dass für ihn mehr dahintersteckt als das Essen: Er sucht Nähe, Gespräche und jenes Gefühl der Zugehörigkeit, das er jahrelang im Rausch vermisst hat.
Vom Experiment zur Marke: Wie Gozney entstand
Die Idee aus dem Garten lässt ihn nicht mehr los. Gozney vertieft sich in Fachbücher über die thermischen Eigenschaften von Beton, Zement und Ton. Er möchte begreifen, wie Wärme gespeichert und verteilt wird und wodurch eine perfekte Pizzakruste entsteht.
Seine Mutter leiht ihm 5.000 Pfund, mit denen er sein erstes richtiges Produkt auf den Weg bringt. Die Hälfte davon steckt er in eine kostspielige Glasfaserform. Darin entsteht eine Art Iglu aus Beton: ein kompaktes, aus einem Stück gegossenes Modell für die Gastronomie und ambitionierte Hobbybäcker.
Für dieses Einstiegsmodell verlangt er 499 Pfund. Gleichzeitig lässt er ein Verfahren patentieren, mit dem seine Öfen rascher und günstiger als herkömmliche Steinöfen installiert werden können. Vor allem Restaurants profitieren davon: Der Bauaufwand sinkt, die Öfen sind schneller einsatzbereit und liefern dieselbe Hitzeleistung.
2011 ist er unter dem Namen „The Stone Bake Oven Company“ noch selbst auf Messen und Landwirtschaftsschauen unterwegs. Nebenbei erstellt er die erste Website und sucht nach Kundschaft. Statt einer glamourösen Gründungsgeschichte mit Investoren ist es ein mühsames, weitgehend analoges Anfangskapitel.
Wie Gozney die Pizzaszene eroberte
Nach und nach interessieren sich immer mehr Gastronomen für seine Systeme. In Großbritannien verwenden bekannte Ketten wie Franco Manca und Pizza Pilgrims seine Öfen. Die Marke gewinnt in der Branche an Vertrauen; Gozney wird zum Namen für Feuer, Stein und eine zeitgemäße Auslegung des klassischen Holzofens.
Ein entscheidender technischer Fortschritt folgt: Als erster Anbieter in Großbritannien lässt Gozney seine Öfen so prüfen, dass sie offiziell in Rauchkontrollzonen betrieben werden dürfen. Dort begrenzen besonders strenge Emissionsvorschriften sonst viele Vorhaben mit Holzfeuer. Damit kommen neue Standorte infrage, insbesondere in dicht besiedelten Städten.
Schließlich erscheint ein Produkt, das die weitere Richtung vorgibt: ein leichter, transportabler Ofen mit Steinboden für Profis ebenso wie für Privatpersonen.
Roccbox: Der tragbare Gozney-Ofen verändert Leben
2016 kommt die „Roccbox“ auf den Markt. Der kompakte, mobile Ofen mit Steinboden erreicht in wenigen Minuten mehr als 400 Grad Celsius. Damit verspricht er Pizza in Restaurantqualität, ob am Balkon, im Garten oder hinter einem Imbisswagen.
Bereits im ersten Monat erwirtschaftet das Gerät rund 900.000 Pfund Umsatz. Gozney trifft damit ein Bedürfnis: Während Essen von Straßenständen immer beliebter wird, wünschen sich viele professionelle Pizzaqualität, ohne dafür einen massiven Steinofen fest einbauen zu müssen.
Laut Unternehmen haben inzwischen etwa 400 Menschen ihren bisherigen Job aufgegeben und bestreiten ihren Lebensunterhalt ausschließlich mit Pizza aus Gozney-Öfen.
Intern bezeichnet Gozney diese Gemeinschaft als „Gozney Collective“: Menschen, die ihre sichere Anstellung verlassen, um mit mobilen Ständen, Imbisswagen, kleinen Pizzerien oder Catering-Angeboten neu zu beginnen. Einige stehen mit ihrem Ofen auf Märkten, andere arbeiten auf Festivals oder fahren zu Firmenfeiern und Hochzeiten.
Pandemie, Wachstum und ein Team auf mehreren Kontinenten
Während der Corona-Pandemie nimmt das Geschäft besonders stark Fahrt auf. Die Menschen verbringen mehr Zeit daheim und geben Geld für Garten, Balkon und gutes Essen aus. Öfen für draußen, die Pizzeria-Atmosphäre in den eigenen Garten holen, erleben einen Boom.
Berichten zufolge steigt der Unternehmensumsatz von rund 5,2 Millionen Pfund im Jahr 2019 auf 72 Millionen Pfund im Jahr 2024. Das Team wächst auf rund 120 Mitarbeiter an, die an Standorten in China, Australien, Europa und den USA arbeiten. Aus dem improvisierten Gartenofen ist ein international tätiges Unternehmen hervorgegangen.
Ein Aspekt bleibt Gozney dabei besonders wichtig: die Gestaltung. Seine Produkte sollen nicht bloß funktionieren, sondern auch ansprechend aussehen. Rückblickend nennt er die ersten Öfen einen „Schandfleck“. Die heutigen Modelle sind klar gestaltet und farblich zurückhaltend, beinahe wie Apple-Produkte für die Terrasse. Damit setzen sie bewusst einen Gegenpol zum traditionellen rustikalen Pizzaofen aus Ziegeln.
Warum Menschen für Pizza ihren Beruf wechseln
Weshalb tauschen Menschen einen sicheren Lohnzettel gegen Teig, Tomatensauce und verbrannte Finger? In Gesprächen mit Kunden werden immer wieder ähnliche Beweggründe genannt:
- der Wunsch, den Alltag selbstbestimmter zu gestalten
- Unzufriedenheit mit starren Bürojobs, deren Ergebnisse nicht sichtbar sind
- die Sehnsucht nach einem handwerklichen, „echten“ Beruf
- Freude am direkten Kontakt mit Gästen statt mit Bildschirmen
- die Möglichkeit, aus einem Hobby ein solides Einkommen zu machen
Ein Ofen, der professionell und zugleich transportabel ist, erleichtert den Einstieg. Weder eine feste Immobilie noch ein großes Anfangskapital für einen massiven Backraum sind erforderlich. Man kann zunächst klein anfangen: mit einem Marktstand am Wochenende, einem Imbisswagen als Nebenjob oder Catering an einzelnen Abenden. Stimmen Nachfrage und Einnahmen, lässt sich das Geschäft nach und nach ausbauen.
Chancen und Risiken beim Quereinstieg ins Pizzageschäft
Die romantische Vorstellung „Ich kündige und backe nur noch Pizza“ lässt allerdings manches außer Acht. Wer sich vollständig auf ein eigenes Gastronomiekonzept verlässt, übernimmt auch das gesamte Risiko. Dazu zählen:
- Umsätze, die je nach Jahreszeit und Wetter schwanken
- Genehmigungen, Hygienevorschriften und städtische Auflagen
- lange Arbeitstage, häufig am Abend und an Wochenenden
- körperliche Anstrengung durch Hitze, Tragen und langes Stehen
- Preisdruck durch Lieferdienste und große Ketten
Das Beispiel der „Gozney Collective“ zeigt dennoch, dass viele sich bewusst für diesen Wechsel entscheiden. Sie halten das Risiko für vertretbar, weil sich ihre Arbeit unmittelbarer anfühlt: Sie sehen den Teig, riechen das Feuer und hören die Rückmeldungen der Gäste direkt am Stand.
Was den Trend zu Pizzaöfen im Freien antreibt
Auf den ersten Blick erscheinen Pizzaöfen im Garten wie ein modisches Gerät für Wohlhabende. Bei genauerem Hinsehen zeigt sich jedoch mehr: ein gesellschaftlicher Trend zu Selbstwirksamkeit, Handwerk und Gemeinschaft. Anstelle einer anonym gelieferten Pizza möchten viele wieder wissen, wer den Teig geknetet hat.
Auch die Technik trägt dazu bei. Moderne Öfen verbinden die jahrhundertealte Feuerküche mit Ingenieurwissen: verbesserte Isolierung, genaue Wärmeverteilung, Gas- und Holzvarianten sowie Sicherheitsstandards für den Gebrauch zu Hause. So können auch Laien in kurzer Zeit Ergebnisse erzielen, für die früher ein ausgebildeter Pizzabäcker nötig war.
Für künftige Gründerinnen und Gründer hält diese Entwicklung eine Lehre bereit: Erfolg hat nicht nur, wer ein gutes Produkt herstellt, sondern auch, wer eine Lebensidee dazu schafft. Bei Gozney ist es die Vorstellung, dank Feuer und Pizza freier, sozialer und selbstbestimmter leben zu können.
Was andere Branchen daraus lernen können
Die Geschichte macht deutlich, wie stark persönliche Einschnitte Geschäftsideen beeinflussen können. Ohne Gozneys eigene Suchterfahrung wäre seine Konzentration auf Gemeinschaft, Feuer und Rituale vermutlich nie so ausgeprägt gewesen. Daraus ergeben sich mehrere übertragbare Punkte:
- Persönliche Krisen können authentische Geschäftsmodelle hervorbringen.
- Produkte profitieren davon, wenn sie zugleich ein Lebensgefühl vermitteln.
- Technische Eigenschaften wie eine rasche Installation oder Transportierbarkeit schaffen Vorteile am Markt.
- Eine aktive Gemeinschaft von Nutzern fördert das Wachstum stärker als klassische Werbung.
Ob Kaffee, Camping, handwerklich gebrautes Bier oder Handwerk: Viele erfolgreiche Marken leben heute von einer Verbindung aus Ausstiegsgeschichte, hochwertiger Ausrüstung und einer Gemeinschaft, deren Mitglieder einander ermutigen. Auch die Geschichte der Gozney-Öfen gehört dazu – mit dem Unterschied, dass hier im wahrsten Sinne des Wortes Feuer im Spiel ist.






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